Schlittenfahren ein "Altzündorfer" erinnert sich ... 

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Geschichten aus dem alten Zündorf © Hans Burgwinkel 21.03.2008

13. Schlittenfahren 21.03.2008

Wir erwarteten in Alt-Zündorf jedes Jahr den Winter, der m.E. mehr Schnee als heutzutage hatte, mit gemischten Gefühlen. Einerseits wollten wir viel Frost ohne Schnee, damit wir am Rhein, „en d'r Groov" oder „op d'r sibbe Pööl" gut schlittschuhlaufen konnten - aber das ist einmal eine andere Geschichte wert...Da störte nämlich der Schne auf dem Eis...

Andererseits freuten wir uns auf viel Schnee, weil wir dann hervorragend Schlitten fahren konnten - etwa am Burgweg, hauptsächlich aber in der Marktstraße. Dort konnte man nämlich bei „optimalen Verhältnissen" und mit entsprechendem Geschick von Beginn der Steigung an - etwa in Höhe der Hausnummer 10 - quer über den Marktplatz bis auf das Eis des oberen Groovgewässers fahren. Dies waren etwa 145 m Schlittenbahn !

Eine weitere Voraussetzung war hierfür auch eine etwas längere Frostperiode, damit die Abwässer „en d'r Sood" (seitliche Straßenrinne) ebenfalls gefroren waren und durch weitere Abwässer sich immer mehr überfroren und verbreitert hatten. In den fünfziger Jahren gab es in der Marktstraße noch keinen Kanal und so flossen die Abwässer in Sickergruben hinter/neben den Häusern. Einige wenige Häuser auf der südlichen Marktstrassenseite leiteten jedoch noch Spül- und Klarabwässer in die seitliche Straßenrinne, die „Sood". Vor dort floß das Wasser quer über den Marktplatz ungehindert in das obere Groovgewässer, denn Stützmauern oder Abgrenzungen wie heute gab es damals noch nicht. So hatte man zusätzlich zum Schnee eine durchschnittlich 1,50 m breite Eisbahn, die vor allen Dingen im Bereich des mit grobem Schotter bedeckten Marktplatzes wichtig war, denn einige wenige Steine im Schnee konnten eine Schlittenfahrt abrupt bremsen.

 

Aber – wie vieles andere auch – war das Schlittenfahren streng geregelt.

Regel Nr. 1:
Uns Kindern gehörte die Straße ! Autofahrer und Anwohner hatten Rücksicht auf uns Schlittenfahrer zu nehmen. So unglaublich es klingt: Es wurde weitgehend respektiert, Autofahrer parkten weiter oben, Post und andere Lieferfahrzeuge fuhren über die Gütergasse zum Rhein und wieder zurück. Nur ein oder zwei Anwohnerinnen, die kaum über die nicht ungefährliche „Bergstrecke“ gehen konnten, streuten nachts Asche über die Straße bzw. auf das Eis, so daß die Bahn unbrauchbar wurde. Aber wir kehrten dies dann nachmittags nach der Schule wieder weg und schütteten Schnee drüber oder wir gossen eimerweise Wasser zwecks Eisbildung darüber.

Regel Nr. 2:
Beim Schlittenfahren herrscht Ordnung ! Dafür sorgten wieder einmal die Großen – siehe Geschichte „die Großen…“. Vorecht hatten die bäuchlings auf dem Schlitten liegenden Alleinfahrer aus der Umgebung. Wer aufrecht sitzend fuhr, war ein „Weichei“ oder ein Mädchen. Zudem konnte man sitzend nicht so weit fahren, wie bäuchlings, denn nur bäuchlings konnte man den Schlitten ohne in irgendeiner Form zu bremsen „weit“ fahren. Für die meisten endete die Fahrt anfangs des Marktplatzes, Anfänger und Unkundige landeten an der Mauer unterhalb des „Gäßchens“.

Höhepunkt des Schlittenfahren war allerdings die „Kettenbildung“, denn hier war Abenteuer mit engem Kontakt zum anderen Geschlecht  verbunden.

Als erstes legte sich ein erfahrener „Großer“ bäuchlings auf einen Schlitten und hakte sich mit den Füßen in den Schlitten dahinter ein bis maximal sieben Schlitten miteinander verbunden waren. Nur wenigen war es erlaubt, ein derartiger Kettenführer zu sein, denn es war eine gefährliche Aufgabe. Er hatte die Verantwortung für seine Kette und auch für die anderen auf der Bahn. Man konnte leicht gegen eine Wand fahren, der Schlittenzug konnte sich verkanten oder umkippen. Hierbei waren Verletzungen bis hin zu Fußbrüchen möglich – in der Regel passierte allerdings nichts. Wenn eine derartige Kette einmal in Fahrt war, war sie nicht zu bremsen und der Führer hatte sorgsam auf freie Strecke und andere Mitrodler zu achten. Wichtig war es auch jeweils die glattesten Stücke der Route zu nutzen.

Das schönste war aber nicht unbedingt die Schlittenfahrt, sondern die damit verbundene „süße Last“: Auf die bäuchlings liegenden Jungen setzten sich aufrecht die Mädchen. Genau wie bei der Reihenfolge der Schlitten gab es auch bei der Auswahl der Mädchen Rangordnungen. Das begehrteste Mädchen durfte auf dem Anführer Platz nehmen. Um die nächsten wurde dann auch kräftig geworben. Wer Pech hatte, musste hinten sitzen oder kam nicht mit.

Für die Ehre auf uns sitzen zu dürfen, mussten die Mädchen allerdings uns anschieben und dann auf uns aufspringen…wenn wir allerdings sehr weit fahren wollten, schob und sprang auch schon mal ein Junge auf und dann blieb dem einen oder anderen, der unten war, die Luft weg.

Meist durfte nur eine Kette fahren, andere waren aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Nur wenn viele „Große“ mit ihren Mädchen fuhren, wurde ausnahmsweise eine zweite Kette der "Kleinen" geduldet. Für uns Jungen war es ein Wunschtraum, „später“ einmal Anführer zu werden. In meiner Erinnerung gab es nur einen Konkurrenten für mich als ich größer wurde. Da ich aber in der Marktstraße wohnte, hatte ich natürlich einen Heimvorteil und durfte schließlich auch oftmals Ketten führen. Wenn das oder die "richtige(n)" Mädchen nicht dabei war(en), verzichtete man auch mal gerne "großzügig" auf seine Rechte und ließ auch schon mal andere nach vorne, die nicht Alt-Zündorf waren, sondern z.B. aus der "schwarzen Siedlung"

 Das Ansehen eines Führers hing auch davon ab, wieweit er fahren konnte. Kam er bis aufs Eis, war er ein Ass. Ein Kettenzug hatte hier aufgrund des größeren Gewichtes und Schwunges diesbezüglich Vorteile gegenüber jedem Einzelschlitten.

 Auf dem Eis angekommen, war dann ein Spass, den Zug geordnet umfallen zu lassen und dann umher zu tollen - insbesondere mit den Mädchen...

 Ein Spass anderer Art passierte allerdings mehr als einmal, wenn ein „Ass“ es schaffte, den Zug über die schnee- und eisbedeckte Marktstraße zum oberen Groovgewässer zu fahren: Er hatte übersehen, dass das Eis noch nicht dick genug war und die ersten Schlitten landeten im Wasser und er lag bäuchlings unten...

 

Über den Autor:
Der Autor, „Hans" (auch Johann, früher  Hansi oder - äußerst  ungern - „Buddha") Burgwinkel, wurde 1950 als Sohn von „Gretchen" Burgwinkel und Johann Burgwinkel (in Poll: „Panne-Schängche"), Klempner und Dachdeckermeister in Köln-Porz- Zündorf geboren. Wuchs zunächst in der Schmittgasse 71, ab 1956 in der Marktstrasse 7 auf. Väterlicherseits aus einer bekannten  alten Köln-Poller Familie („die Panne")  stammend, war er zudem regelmäßig - mehrfach wöchentlich - in Poll bei seiner Familie rund um das Poller Urgestein und Original „Panne-Schäng". Machte am Stadtgymnasium Porz (Urbach) Abitur. Nach einer „Wanderzeit" wurde er 1974 in Poll heimisch und vielseitig aktiv - nach einem schweren folgenreichen Unfall auf einer Dienstreise Mitte der achtziger Jahre  insbesondere auch in seiner heimatlichen Umgebung. Hauptsächlich weil er 1989 in Köln eine "Unabhängige Wählergemeinschaft" (UWG), die Kölner Bürger-Gemeinschaft mitgründete und in Poll in einem Wahlbezirk sogar über 29% der Stimmen erreichte, wurde/wird er in Poll auch der "Bürgermeister von Poll" genannt.Auch nach seinem Ausscheiden aus der UWG 1996 blieb er in vielen Bereichen aktiv und half insbesondere bei Gründung von Bürgerinitiativen bzw. -aktionen.

Anläßlich des 1000-jährigen Jubiläums von Zündorf hat er angefangen, kleine Geschichten aus Zündorf zu schreiben...auch als Anregung für andere, damit Geschichte(n) nicht in Vergessenheit gerät